Entstehung
11. Sep 2005 von sindri
Woher kommt eigentlich “Borderline”?
Der Begriff selbst stammt aus dem Jahre 1884 (Borderland). 1938 wurde der Begriff Borderline von Adolph Stern verwendet, um einen Typ von Patienten zu beschreiben, der mit damaligen psychoanalytischen Methoden nicht zufriedenstellend behandelt werden konnte. Stern arbeitete dabei besonders das Charakteristikum der Borderline-Persönlichkeit heraus, im Analytiker ein gutes und allmächtiges Objekt zu sehen, das sich
abrupt in ein feindliches verwandelte, sobald der Therapeut nicht vollständig den Erwartungen des Patienten entsprach. In diesem Zusammenhang wurde auch BPS als dissoziative Persönlichkeitsstörung erwähnt. Verbunden damit war eine Störung der Realitätsüberprüfung bis hin zur Übertragungspsychose.
O. F. Kernberg griff die weitestgehend noch undifferenzierte Diagnose von BPS auf und entwickelte zwischen 1967 und 1975 eine umfassende Theorie der Borderline-Persönlichkeitsorganisation. Maßgebliches Kennzeichen eben dieser war eine gestörte Objektbeziehung mit der Aufspaltung in die Extreme “ganz gut” und “ganz böse”.
Dementsprechend häufig wird von der “schwarz-weißen Welt der Borderline-Persönlichkeit” gesprochen. Der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie zufolge wird die Entwicklung des Kindes von einer “schwarz-weißen”
Welt zu einer differenzierteren Objektbewertung bei Borderline-Patienten unterbrochen, so dass die früheren extrem bewerteten Objekte in ihrer Auslegung präsent bleiben und im erwachsenen Leben neu inszeniert werden. Borderline-Patienten können das Gute mit dem Schlechten nicht in Verbindung bringen, weil sie befürchten, dass ihre eigenen “inneren guten Objekte” zerstört werden könnten. Während Kernberg annimmt, dass Wut und Hass die zentralen Affekte bei Borderline-Patienten sind, geht Dulz davon aus, dass dies Angst sei: Eine frei flottierende, diffuse Angst sei der Ausgangspunkt für die übrigen Symptome wie die Art der Borderline-typischen Beziehungsgestaltung.
Resultierend aus der Objektbeziehungsstörung entsteht eine Widersprüchlichkeit des Selbstbildes bis hin zur Identitätsdiffusion, vor allem auch das Vorherrschen von Abwehrmechanismen wie der Persönlichkeitsspaltung, der Projektion und der Verleugnung. Ebenfalls entwickelten Gunderson und Singer 1975 Kriterien der BPS, welche mit denen Kernbergs erstmals 1980 in das Diagnostische und Statistische Manual psychischer Störungen (DSM-III) als Definition der Borderline-Persönlichkeitsstörung eingingen. Teil der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde BPS erst 1991, und zwar unter dem Begriff “Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typus”.
Umstritten sind allerdings sowohl der Begriff als auch die diagnostischen Kriterien.
Besonders der Psychoanalyse wurde unterstellt, mit dem Begriff Borderline die eigentlichen Ursachen der Störung zu verschleiern. Da in den weitaus meisten Fällen traumatische Vor- und Früherfahrungen vorliegen, plädieren
mehrere Autoren (Herman, van der Kolk, Reddemann, Sachsse et al.) besonders aus der Traumaforschung dafür, die Borderline-Diagnose durch die Diagnose einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung zu ersetzen. Der
englische Analytiker John Steiner wiederum beschreibt die Borderline-Position als psychischen Rückzugsort, der Zuflucht vor den den Patienten bedrohenden Ängsten bietet.
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Borderline-Persönlichkeitsstörung
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